Videokonferenzen

Grundsätzlich sind Videokonferenzen an Hessischen Schulen zunächst freiwillig.1

Allgemein

Videokonferenzen sind ein heikles Thema. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat das Kultusministerium eine (Muster-)Einwilligungserklärung erstellt. Wer diese ausfüllt (bzw. für wen die Eltern es ausfüllen) und an die Schulen zurücksendet/n, der muss anschließend an den Videokonferenzen teilnehmen.2 Distanzunterricht kann nicht per Videokonferenz stattfinden, wenn nicht alle Schülerinnen und Schüler eines Kurses diese Einwilligung abgegeben haben.2

Diese Erklärung könnt Ihr (wenn Ihr unter 16 Jahre alt seit, nur eure Eltern) allerdings jederzeit gegenüber eurer Schulleitung widerrufen (unförmlich per E-Mail, Brief oder Telefon möglich) und müsst danach nicht mehr an Videokonferenzen teilnehmen.

Aktivierung der Videofunktion

Hier kommen wir zu einem nicht ganz klaren Fall. Einige Schülerinnen und Schüler möchten sich ungerne bzw. nicht auf Zwang in einer Videokonferenz per Bild zeigen, sondern lediglich per Audio zugeschaltet sein. Es gibt Lehrer, die diesen Wunsch nicht erfüllen möchten und Schülerinnen und Schüler ohne Videoverbindung als abwesend eintragen.

Das Staatliche Schulamt in Gießen schrieb dazu auf Anfrage, dass auf Verlangen der Lehrkraft auch die Kamera einzuschalten sei, sofern die Einwilligungserklärung vorliegt. Diese Einstellung teilen wir nicht.

Zum einen stellt die Einwilligungserklärung nicht die Möglichkeit bereit, der Bildfunktion in Videokonferenzen zu widersprechen und zum anderen steht das Rechts auf informationelle Selbstbestimmung3 dieser “Pflicht” entgegen. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung bedeutet, dass jede/r das Recht hat, selbst darüber entscheiden zu können, welche personenbezogenen Daten er/sie von sich preisgeben möchte und wer sie verwenden darf. Dies gilt grundsätzlich auch für Kinder und Jugendliche.

Es wird zwar argumentiert, dass du durch deine freiwillige Abgabe der Einwillligungserklärung dieses Recht wahrgenommen hast und den Videokonferenzen zustimmst, aber es wird nicht bedacht, dass du der Bildfunktion aktuell nicht gesondert widersprechen kannst. Somit verliert sich diese Argumentation im Nichts.

Es kann nicht eindeutig geklärt werden, inwiefern du dich dem Aktivieren der Videofunktion widersetzen darfst, wenn du gleichzeitig den Konferenzen an für sich zustimmst. Wenn der Lehrer keine Einsicht zeigt, dann gibt es nur einen sicheren Weg: Die Einverständniserklärung vollständig zu widerrufen.

Menge und Dauer der Konferenzen

Sechs Stunden am Stück in einer oder mehreren Videokonferenzen zu sitzen, ist sowohl sehr anstrengend, als auch ungesund für eure Augen. Generell empfehlen wir als Ausgleich zur Heimbeschulung regelmäßig an die frische Luft zu gehen.

Es gibt für die Arbeit mit dem Computer Richtlinien, welche für Angestellte eines Unternehmens gelten, aber auch für Lehrkräfte. Diese Regelungen lassen sich insbesondere vom Lehrer auf die Schülerinnen und Schüler übertragen, da sie die Schutzbedürftigen sind.4

Diese Verordnung besagt, dass bei der Arbeit am Bildschirm insbesondere “die Belastungen der Augen oder die Gefährdung des Sehvermögens” berücksichtigt werden müssen.5 Entsprechend müssen Videokonferenzen “durch andere Tätigkeiten oder regelmäßige Erholungszeiten” unterbrochen werden.6 Dabei sind 10 Minuten Pause pro Stunde empfehlenswert und vorgesehen7 – gerne natürlich mehr Pausenzeit, welche aber ohne Bildschirm am Besten auf dem Balkon verbracht werden sollte. Dort kann man in die Ferne schauen und damit die Augen entspannen.

Anhang

Quellen:
1) https://kultusministerium.hessen.de/schulsystem/umgang-mit-corona-schulen/fuer-schulleitungen/schreiben-schulleitungen/einsatz-digitaler-werkzeuge-im-schulalltag
2) Angaben des Staatlichen Schulamtes Gießen auf unsere Anfrage (Stand: 25.02.2021)
3) Das Rechts auf informationelle Selbstbestimmung ist ein Grundrecht, gestützt auf einer Auslegung des Grundgesetzes durch das Bundesverfassungsgericht. (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG)
4) “[…][D]ie Vorschriften der »Verordnung über Arbeitsstätten« (ArbStättV) v. 12.8.2004 (BGBl. I S. 2179) […], die für die angestellten Lehrer gelten, [sind] von ihrem Schutzgedanken auch auf die Schüler übertragbar, falls dieser nicht sogar wegen der generellen besonderen Schutzbedürftigkeit von Kindern und Jugendlichen noch weiterreicht.”
(Verwaltungsgericht Dresden, Beschlüsse vom 2. Februar 2012 – 5 L 1563/11)
5) Vgl. §3 Abs. 1 Satz 3 ArbStättV (Arbeitsstättenverordnung)
6) Vgl. Nr. 6.1 Abs. 2 Anhang “Anforderungen und Maßnahmen für Arbeitsstätten nach § 3 Absatz 1” zur ArbStättV
7) Urteil des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG) aus dem Jahre 2001 (8. 1. 2001, Az. 6 P 6/00).

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